Ein Abendbummel in “Boa Viagem”

Reisebericht mit Fotos von Konrad Glotz

Praia Boa ViagemNachdem wir unser Hotel in Recife an der “Boa Viagem“ bezogen hatten, schlenderten wir - meine Frau, unsere dreijährigen Zwillingsbuben und ich - bei einbrechender Dunkelheit  die Strandpromenade entlang. Wir staunten nicht schlecht, wie schnell hier der Tag in die Nacht überging. Die Sonne schien förmlich am Horizont vom Himmel zu fallen. Eine längere Dämmerungszeit wie bei uns Zuhause in Deutschland kannte man hier nicht. Das hing mit den Breitengraden zusammen - wir befanden uns hier immerhin fast auf Höhe des Äquators. Wir folgten der breiten, dreispurigen “Avenida Boa Viagem”, die den Strand von den hochaufragenden Apartment- und Hotelhäusern abgrenzte. Im Gegensatz zur Praia, wo sich jetzt nur noch ein paar Angler und fußballspielende Jungs aufhielten, herrschte auf der hellbeleuchteten Promenade noch reges Treiben. Radfahrer, Jogger, Walker - aber auch einfache Spaziergänger wie wir - nutzten jetzt die kühleren Abendstunden (wenn denn bei Temperaturen von 26° Celsius von kühl überhaupt die Rede sein konnte), um ihren Bewegungsdrang auszuleben. Aber auch Müßiggänger und eng umschlungene Liebespärchen ließen den Tag unter hochaufgeschossenen Kokospalmen und breitgefächerten Zedern ausklingen, und genossen die stetige, mildwürzige Atlantikbrise. In regelmäßigen Abständen luden kleine, quadratische Strand-Bars zum Verweilen ein.

Cabanas in Boa ViagemTypisch für  diese “Cabanas” waren deren, aus getrockneten Palmwedeln bestehenden Dächer, die von weiten aussahen wie überdimensionierte Sombreros. Nebst Bier, Schnaps und Zigaretten wurden hier auch frisch gepflückte, grüne Kokosnüsse zum Verkauf angeboten. “Dois cocos, por favor“ , gab ich dem Barmann zu verstehen, und sogleich holte er zwei eisgekühlte Kokosnüsse aus seiner Kühltruhe hervor, um sie dann mit gezielten Machetenhieben zu köpfen, sodass weißes Fruchtfleisch zum Vorschein kam. Mit Hilfe von Strohhalmen machten wir uns dann über die köstlich, erfrischende Kokosmilch her. So gestärkt überquerten wir anschließend die Straße und begaben uns auf die “Praca de “Boa Viagem”.

rb_boa_viagem_03Auf der Mitte des Platzes befand sich die “Igreja de Nossa Senhora” da Boa Viagem, eine kleine schmucke Kolonialkirche im landes-typischen Barockstil, deren Außenfassade - frisch renoviert - in hübschen, himmelblauen Tönen gehalten war. Aus dem Inneren der Igreja drangen feierliche Kirchenlieder. Ein Padre hielt vor einer kleinen Gruppe Gemeindemitgliedern eine Messe ab.

Um die Kirche herum hatten Kunsthandwerker ihre Verkaufsstände aufgebaut. Hier fand man buntbemalte Keramikfiguren, kunstvolle Holzschnitzereien, tropenfarbige Ölgemälde und selbstgefertigten Schmuck. Nebenan wurden filigrane Stickereien, handgemachte Lederwaren, dekorative Hängematten und in “Cachaça” eingelegte Früchte feilgeboten. Letztendlich erlagen auch wir dieser bunten Vielfalt, und so erstanden wir noch einige Souvenirs: die Jungs wurden mit neuen Ledersandalen ausgestattet, meine Frau konnte sich für eine Handtasche aus geschliffenen Kokosnussholz begeistern, und für mich war noch ein T-Shirt mit dem Aufdruck  Recife - Pernambuco drin. Angenehm unaufdringlich verhielten sich dabei die Budenbesitzer - wenn man nicht gleich was kaufen wollte und nur ein bisschen herumstöberte, dann war das für sie auch o.k. (wer schon einmal einen orientalischen Bazar betreten  hat, weiß wovon ich spreche).

KunsthandwerkKunsthandwerk

Auf der anderen Seite des Platzes reihte sich ein Essensstand an den anderen. Freunde der brasilianischen Küche kamen hier voll auf ihre Kosten. Angeboten wurden z.B. auf Holzkohle gegrillte Fleischspießchen, fritierter Meeresfisch, “Cochinhas” mit Hähnchenfleischfüllung und gebackener Käse aus Minas Gerais. Des weiteren standen “Bolinhos de bacalhau, Feijao com arroz, Cachorros quente und Tortas salgado” für hungrige Abnehmer bereit. Zum Nachtisch konnte man dann noch klebrig-süße Kuchen und Torten in sich hineinschaufeln.

rb_boa_viagem_06Leckereien

 

PasteisZu unseren Favoriten avancierten jedoch die unwiderstehlich leckeren “Pasteis”, die mit einer Füllung aus Käse, Hähnchen- oder Schweinefleisch angeboten wurden. Ich orderte sogleich vier “Pasteis com queijo”, und schon wurden sie von einer gut gelaunten Marktfrau zischend ins brodelnd heiße Öl geworfen. Keine zwei Minuten später überreichte sie mir die dampfenden, in Papier gewickelten Pasteis und wünschte “bon appetit“. “Obrigado“ erwiderte ich, bezahlte und verteilte die Leckerbissen an meine hungrigen Begleiter. Nebenan besorgte ich noch “Caldo de cana“, die eine dicke Frau mittels einer Maschine aus fasrig-grünen Zuckerrohr presste. Zuckerrohrsaft mit Pasteis, eine gelungene und zugleich überaus schmackhafte Kombination, derer wir seitdem verfallen waren.

Es sollte nicht das letzte mal sein, dass wir der “Praca de Boa Viagem” einen Besuch abstatteten. Die nächsten Tage schauten wir immer wieder mal auf den - bei Touristen und Einheimischen gleichermaßen beliebten - Platz vorbei. Und wenn uns dann Hunger und Durst umtrieben, stand stets an vorderster Stelle unseres Speiseplans: „Caldo e Pasteis“.

Die Reise fand im Dezember 2008 statt.


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