Reisebericht mit Fotos von Markus Schöberl
Bericht der Brasilienexkursion in Pernambuco
am 24. und 25. Juni 2005
Im Rahmen einer Brasilienexkursion, die von FAIRTRADE organisiert wurde, besuchten wir am 24. und 25. Juni 2005 die Zuckerrohrzone in der Gegend um Recife im Bundesstaat Pernambuco, Brasilien.
Die Organisation CPT
Die CPT (Comissão Pastoral da Terra – ökumenische Landpastoral) erklärte uns die Situation der Landbevölkerung in Zusammenhang mit Zuckerrohrproduktion.
Die CPT versucht seit 1975 als Kirche der landlosen Bevölkerung Brasiliens, den rechtlosen Grundpächtern auf den Fazendas der Großgrundbesitzer und den Kleinbauernfamilien zur Seite zu stehen. Die CPT ist brasilienweit organisiert und besitzt 20 Regionalstellen. Das gewählte Direktorium arbeitet im Nationalsekretariat in Goiania (Bundesstaat Goias). Arbeitsschwerpunkt der CPT ist die Unterstützung der Landbevölkerung und der Landlosen durch ganzheitliche Begleitung. Diese Begleitung reicht von Rechtshilfe, gewerkschaftlicher und genossenschaftlicher Beratung bis hin zu pastoraler Arbeit.
Die CPT kümmert sich insbesondere auch um die Umsetzung der versprochenen Landreform der Regierung. Ihre Mitarbeiter besuchen immer wieder die Camps, um mit den vertriebenen Leuten, die Land beanspruchen wollen, in Kontakt zu bleiben. Seit 1985 haben 150.000 Familien ihr Land verloren; 10.000 haben das Land wieder zurückbekommen. Die CPT beklagt jedenfalls, dass sich Präsident Lula mehr um die Großgrundbesitzer kümmert und die Sklavenhaltung toleriert, als sich, wie versprochen, wirklich für die Landbevölkerung einzusetzen.
Die Zuckerproduktion in Pernambuco
Der Priester und Mitarbeiter der CPT, Xavier Plassat, begleitete uns bei der Reise. Er erklärte uns, dass es in Recife zweifellos eine der brutalsten und menschenunwürdigsten Zuckerrohrproduktionen Brasiliens gibt. Diese Region bietet keine landwirtschaftliche Abwechslung, sondern ist ausschließlich von Zuckerrohr beherrscht. Die Region ist sehr hügelig, weshalb die Ernte nur händisch erfolgt. Vor der Ernte werden die gesamten Zuckerrohrflächen abgebrannt, was sich von der Ferne durch dunkle Rauchschwaden bemerkbar macht.
Die Zuckerrohrzone in Pernambuco erstreckt sich entlang der Atlantikküste. Plassat berichtete, dass hier früher ausschließlich Regenwald war.
Nach der Abholzung durch die Großgrundbesitzer wurde die Zuckerproduktion aufgenommen. Daneben bewirtschaftete die Landbevölkerung kleine Flächen für die Eigenversorgung.
Vertreibung der Landbevölkerung
Aufgrund der Ausweitung der Zuckerproduktion und durch das “Pro-Alkohol-Programm“ ab dem Jahr 1985 und auch durch die derzeitige Produktionsausweitung wurde und wird die Landbevölkerung einfach vertrieben.
Die Vertreibung erfolgt im Wesentlichen mittels zwei Methoden:
Die eine Methode besteht darin, dass das Land mit Gewalt weggenommen wird. Eine eigene Miliz des Zuckerbarons vertreibt die Bevölkerung mit Waffengewalt. Die Häuser und das Land werden mit Schubraupen dem Erdboden gleichgemacht.- Die zweite Methode ist entweder die Variante der Vergiftung der Gewässer und somit der Entzug der Lebensgrundlage oder die Ausweitung der Zuckerrohrfelder in Richtung Häuser, die dann “zufällig“ dem Feuer zum Opfer fallen, wenn das Zuckerrohr vor der Ernte abgebrannt wird.
Die Problematik der Landlosen
Durch diese Praktiken der Vertreibung hat die Landbevölkerung buchstäblich keine Chance, sich mit eigenen Produkten am Leben zu erhalten. Sie bauen dann entlang der Straßen so genannte Camps auf. Diese Bereiche sind öffentliches Gut und können daher von den Zuckerbaronen für die Zuckerrohrpflanzung nicht beansprucht werden. Die Camps bestehen aus primitivsten Hütten aus Holzstangen, die mit Plastikplanen bespannt werden.
Hier gibt es keine sanitären Anlagen, kein sauberes Wasser und auch keine Zukunft. Die Bewohner dieser Camps leiden an ständigem Hunger, Unterernährung (vor allem die Kinder), Krankheiten und Durchfall. Ärztliche Leistungen können die Bewohner aus Kostengründen nicht in Anspruch nehmen.
Die Bewohner der Camps sind ausschließlich auf Almosen angewiesen. Die Regierung hat diesen Landlosen versprochen, Nahrungsmittel im Rahmen des “Null Hunger Programm“ zur Verfügung zu stellen. Die Landlosen, die wir besucht haben, beklagten, dass das Versprechen allerdings nur in sehr geringem Umfang und sehr unregelmäßig eingelöst wird.


Die Landbevölkerungsschichten, die Land zugeteilt bekommen haben und für die Eigenproduktion Früchte und Gemüse anbauen, geben einen Teil der Ernte den Landlosen, damit diese notdürftig überleben können.
In der Zeit der Zuckerrohrernte können die abgemagerten Campbewohner für 2,00 bis 3,00 EURO pro Tag arbeiten. Das ergibt ein Monatseinkommen von rd. 100,00 EURO und entspricht etwa einem Drittel dessen, was eine Familie zum Überleben braucht. Da die Ernte Akkordarbeit ist kann bei besserer Ernteleistung ein wenig mehr verdient werden. Satt wird dadurch eine Familie trotzdem nicht. Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass die Ernte nur max. 5 Monate dauert und für den Rest des Jahres keine Arbeit zur Verfügung steht. Der Arbeitstag eines Zuckerrohrschneiders beginnt um 4:00 Uhr und endet um ca. 18.00 Uhr - inkl. einer kurzen Mittagspause. Für den Erhalt des Mindestlohnes müssen zumindest 3,5 Tonnen Rohr pro Tag abgeliefert werden, wobei diese Menge nicht gewogen, sondern geschätzt wird und daher hier der Arbeiter zusätzlich über den Tisch gezogen wird. Eine “gute“ Ernteleistung eines Arbeiters pro Tag liegt bei 7 Tonnen Rohr.
Gewalt gehört zum Alltag
Dass die Gewaltbereitschaft der Zuckerbarone zum Alltag gehört, haben auch wir bei der Durchfahrt durch die Zuckerrohrfelder hautnah miterlebt. Als wir kurz anhielten, um Fotos und Filmaufnahmen zu machen, waren innerhalb weniger Minuten zwei Fahrzeuge mit bewaffneten Soldaten der Zuckerbarone zu Stelle und haben uns zum Weiterfahren aufgefordert.


Sie haben uns dann während der Fahrt einige Zeit verfolgt und sind später in einem Feldweg weggefahren. Als wir etwas später wieder stehen blieben, um zu filmen und zu fotografieren, war die Privatmiliz wieder nach wenigen Minuten zur Stelle und forderte uns diesmal in einem noch schärferen Ton auf, das Gebiet schleunigst zu verlassen. Dazu ist anzumerken, dass wir uns auf einer öffentlichen Straße bewegt haben. Da die Arbeiter, wie uns berichtet wurde, immer seltener offiziell beschäftigt sind, sind sie auch nicht krankenversichert und haben auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld außerhalb der Erntezeit.
Für die Zuckerbarone hat die illegale Beschäftigung zwei Vorteile:
- Sie ersparen sich die Lohnnebenkosten, die in Brasilien sehr hoch sind, und haben somit die Arbeitleistung noch billiger in der Hand.
- Ein illegal Beschäftigter kann sich auch nicht einer Gewerkschaft anschließen, da er ja offiziell nicht arbeitet.
Moderne Sklaverei
Xavier Plassat erzählte uns, dass das soziale Elend noch zusätzlich durch die moderne Sklaverei in Brasilien verstärkt wird.
Diese Arbeiter werden von Mittelsmännern angeheuert und werden dann in andere Regionen transportiert. Die Mittelsmänner versprechen ihnen Arbeit und gute Bezahlung. Es erwartet sie jedoch nur ausreichend Arbeit, die sehr schlecht bezahlt wird. Durch den Transport in die Zuckerrohrgebiete beginnt der Arbeiter auf seinem Konto mit einem Minus. Die notwendige Nahrung kann er ausschließlich bei seinem Arbeitgeber zu überhöhten Preisen beziehen. Die Einnahmen aus der Arbeit machen jedenfalls weniger aus, als die Ausgaben für Transport, Verpflegung und Unterkunft. Somit steht am Konto des Arbeiters nach der Zuckerrohrernte ein ordentliches Minus. Nachdem er die Schulden nicht begleichen kann, schafft ihn der Mittelsmann wieder in eine andere Region, um beispielsweise in der Viehwirtschaft zu arbeiten. Dort passiert das Gleiche wieder und somit ist der Arbeiter in der Gewalt des Mittelsmannes und in der Folge ein moderner Sklave. Durch die permanente Kontrolle der Arbeiter ist es praktisch unmöglich, von diesen Betrieben zu fliehen. Gelingt einem Arbeiter gelegentlich doch die Flucht und bringt er die Missstände zur Anzeige, kann eine Sondereinheit der Polizei aktiv werden. Diese Einheit schafft es immer wieder bei nicht ungefährlichen Einsätzen Sklaven von Betrieben zu befreien.
Xavier Plassat verwies auf eine Reportage in ARTE über die moderne Sklaverei in Brasilien, die am 5. Juli 2005 gesendet wurde. Plassat war selbst auch bei den Dreharbeiten dabei und kommt im Beitrag auch vor.
Schlussfolgerungen
Für mich wird durch das vor Ort Gesehene und durch den ARTE-Beitrag bestätigt, was wir in der Vergangenheit in der Öffentlichkeitsarbeit immer wieder kommuniziert haben: mit solchen Produktionsmethoden, wie in Brasilien kann niemand mithalten, wir nicht in Europa und auch nicht die Bauern in Entwicklungsländern. Brasilien wird in der Produktion von Agrargütern immer als wettbewerbsfähig und effizient dargestellt. Es stellt sich daher die berechtigt Frage, ob künftig Ausbeutung als legales Werkzeug der Maßstab der Produktion werden soll. Vor allem dann, wenn es darum geht, die Agrarmärkte in der kommenden WTO-Runde weiter zu öffnen und jenen zu mehr Marktzutritt mit Agrargütern zu verhelfen, die eben “wettbewerbsfähig“ nach obiger Definition produzieren können. Fest steht jedenfalls, dass auch durch die derzeit in Diskussion befindliche Reform der Zuckermarktordnung in Brasilien eine Produktionsausweitung stattfindet. Durch das EBA-Abkommen der EU an die ärmsten Länder der Welt, alles außer Waffen ab 2009 unlimitiert und zollfrei in die EU liefern zu können, wird indirekt Brasilien mit Hilfe von Dreiecksgeschäften über diese ärmsten Länder das Tor nach Europa geöffnet. Die in Europa hohen Sozial- und Umweltstandards werden mit den nicht vorhandenen Standards in Brasilien niemals konkurrenzfähig sein können.
Die Frage wird künftig sein, ob man Lebensmittel, die unter solchen Umständen produziert werden, mit gutem Gewissen überhaupt genießen kann.
Markus Schöberl
Juli 2005
Quelle: http://www.ruebenbauern.at/presseinfos/
© Text: Markus Schöberl
© Fotos: Markus Schöberl und CPT (Comissão Pastoral da Terra)
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